Kapitel 4 – Schottland 2017

Samstag, 10.06.2017, Anreise, Edinburgh

Um halb vier am Morgen mussten wir aufstehen, weil um sieben der Flieger startete. Martins Eltern waren so lieb, uns an ihrem 29. Hochzeitstag in aller Frühe zum Flughafen Hannover zu fahren. Sie frühstückten dann dort bei einem Flughafen-Café, dass ausgewählte Bio-Produkte anbot.

Wir haben inzwischen eine sehr gute Idee, wie wir uns für die Fahrt bedanken wollen: Mit zwei Schals aus schottischem Cashmere. Die gibt es hier an jeder Ecke und sind gar nicht so teuer.

Die Anreise an sich lief reibungslos. Um halb eins waren wir dann schon im Bed and Breakfast – zu früh – aber wir stellten einfach unsere Koffer dort ab und gingen die Minto/ South Clerk/ Clerk Street entlang, wo es viele interessante Geschäfte gab.

Wir schauten uns eins für Stoffe, eins für Tee und Antiquitäten, eins für Bier zum selber brauen und einen Whiskeyladen an. Dabei haben wir uns schon Tee gekauft und die Kontaktkarten plus Angebotskarte geben lassen, weil uns die Sorten dort sehr gut gefielen und wir uns den Tee vielleicht in Zukunft importieren.

Eine Stunde später durften wir in unser Zimmer. Ein schönes altes Steinhaus in dem für Schottland so typischen Grau. Das Zimmer ist klein aber fein. Und wir haben unbegrenzten Zugang zu leckerem Tee.

Nach einem 3-Stunden-Mittagsschlaf sind wir zur Royal Mile, wo wir noch einmal ein Geschäft mit Cashmere bewundert haben und eines mit einer tollen Auswahl an Whiskeygläsern, Hornkrügen, Flachmännern, Marmelade, Karamell, Schokolade und Whiskeyproben. Schließlich entschieden wir uns für den Royal McGregor Pub für unser Dinner. Das war eine sehr gute Entscheidung. Ich hatte gegrillten Lachs und Martin Beef Pastry. Beides war sehr gut.

Zufrieden und gesättigt ging es dann ins Bett.


Sonntag, 11.06.2017, Edinburgh

Die Schotten sind so liebe Menschen! Erst einmal hatten wir heute Morgen unser erstes britisches cooked breakfast auf dieser Reise: baked beans, scrambled eggs, sausage, roasted tomatoes und zwei Rösti-Ecken. Dazu Toast und ein kleines Continental-Breakfast Buffet. Ich habe aber nicht mal das cooked Breakfast aufessen können.

Wir saßen in dem kleinen Wintergarten und die Köchin hat die restlichen Toast-Scheiben an Tauben, Dohlen, Amseln und Möwen verfüttert, die im Garten schon gewartet haben. (Ob das Toast ihnen so gut tut, daran habe ich meine Zweifel.)

Dann spazierten wir in der Nachbarschaft etwas umher und schauten uns die teuren Häuser an. Hier sagen einem die anderen Spaziergänger noch Hallo und das mit einem ehrlichen Lächeln. Später im Bus, auf dem Weg zur Royal Mile, auf der Suche nach einem Sitzplatz haben gleich zwei Schotten freundlich gewunken, dass wir uns zu ihnen setzen könnten.

Nach einer Siesta über die Mittagszeit machten wir uns auf den Weg zum Artisan Cheesecake. Vom Bed and Breakfast ging nur ein Bus alle 30 Minuten dorthin. Da wir dachten, ihn verpasst zu haben, wollten wir erst einmal zu Fuß los. Dummerweise hatte der Bus aber einfach Verspätung und fuhr an uns vorbei, als wir zwischen zwei Bushaltestellen waren. Das war echt Pech.

Der Weg wurde dann allmählich anstrengend, weil wir am Vormittag schon über zwei Stunden am Stück gelaufen waren. Außerdem war es erstaunlich warm unter der schottischen Sonne. Aber da mussten wir dann durch, schließlich wollten wir den berühmten Käsekuchen essen. Der war auch total lecker – der beste den ich je gegessen habe (sorry, Oma).

Wir nahmen dann von dort einen Bus nach Leith. Dummerweise (mal wieder) fuhr der große Umwege und wir waren bestimmt 45 Minuten unterwegs. Der Hafen hat uns dann auch noch enttäuscht: ein einziges heruntergekommenes Viertel und die berühmte Royal Britannia war nicht einmal von außen zugänglich ohne ein Ticket.

Die kleine Promenade ‚The Shore‘ konnten wir auch nicht richtig genießen, weil es dann ordentlich geschüttet hat. Solche Erfahrungen gehören eben auch dazu.

Wir freuen uns, wenn wir morgen die Stadt verlassen (so schön Edinburgh auch ist) und uns Schottland richtig anschauen können. Denn dieses Land bereist man vor allem wegen der Landschaft.


Montag, 12.06.2017, Stirling Castle und Broughty Ferry

Martin fuhr heute zum ersten Mal im Linksverkehr. Wir holten den Mietwagen bei der Waverley Station ab und quälten uns dann durch den Stadtverkehr von Edinburgh, bis wir es auf die Autobahn nach Stirling schafften. Durch die schöne schottische Landschaft zu fahren machte ihm dann richtig Spaß und die Nervosität fiel allmählich ab.

Seichte grüne Hügel, teils bewachsen, teils von Schafen, Kühen und Pferden bewohnt und immer mal wieder ein kleiner schroffer Berg am Horizont. Die weißen und grauen Wolken zogen dahin und die Sonne strahlte zwischen ihnen hindurch. Das Schloss thronte plötzlich über uns auf einem Fels – und das Ticket für den Eintritt hat sich sehr gelohnt.

Es war stürmisch dort oben, aber allein die Aussicht hat das wieder vergessen lassen. Die Festhalle war beeindruckend und erinnerte an die große Halle in Hogwarts mit ihrer Holzdecke. Die Gemächer im Palast waren wunderschön dekoriert mit Malereien und Webteppichen Schließlich machte es viel Spaß in all die Winkel der älteren Gebäude der Burganlagen zu klettern.

Nach einer Verschnaufpause im Hotelzimmer von Westpark in Dundee fuhren wir zum Vorort Broughty Ferry, wo es einen sehr schönen Sandstrand gibt mit einer Promenade von Cottages und schönen alten Stadthäusern sowie einer alten, stattlichen Festung auf einem aufgeschütteten Hügel, geschützt von einer dicken Mauer vor den Wellen.

Ich habe bei einem wunderschönen Sonne-Wolken-Mix tolle Fotos machen können und nach einem Strandspaziergang gönnten wir uns hausgemachte Suppe mit Local Beet/ Botanist Gin Tonic in einem urigen Fisher‘s Pub.


Dienstag, 13.06.2017, Dunnottar Castle und Balmoral Castle

Wir starteten früh von Dundee und fuhren eineinhalb Stunden entlang der Ostküste zum Dunnottar Castle, das auf einem vorgelagerten Felsen thront. Um zu der Ruine zu gelangen, mussten wir die Felsen erst hinunter und dann wieder hoch stapfen. Die wunderschöne Aussicht auf die Felsenküste inklusive Wasserfall war jedoch ein lohnender Trost.

Zurück ging es dann noch einmal runter und wieder hoch… Dort war auch ein langer Kiesstrand den wir uns anschauen konnten, während über uns die Ruinen emporragten. Ich gönnte mir noch einen Angus Beef Burger für 4,50 Pfund, dann fuhren wir weiter.

Auf dem Weg nach Balmoral Castle wurden die Straßen allmählich abenteuerlich. Aber meiner Meinung nach hat sich die eineinhalb-stündige Fahrt gelohnt, um das überraschend schlichte Anwesen zu bewundern. Man kann die Queen schon echt beneiden um ihren Sommerurlaubssitz. Hier ist sie abgeschottet mitten im Nationalpark, umgeben von einem Fluss voller Lachs, einem riesigen Jagdgebiet in den Bergen und einem hübschen, vergleichsweise kleinen, Garten.

Die Weiterfahrt nach Aviemore war ein einziges Wechselbad der Gefühle. Der atemberaubende Ausblick auf die von Heide bewachsenen Highlands wurde ständig unterbrochen von Ängsten meinerseits vor den Straßenverhältnissen. Wenn es dann so bergauf ging, dass man die Straße hinter der Kuppe nicht mehr sah, oder man bergab auf eine harte Kurve zurollte… Am schlimmsten waren die Busse, LKW und dicken Landrover, die uns schnitten.

Aber die Aussicht war einfach der Wahnsinn.


Mittwoch, 14.06.2017, Aviemore

Heute ließen wir es ruhiger angehen. Nicht zuletzt weil ich fiesen Muskelkater in den Waden habe. Wir genossen englischen Muffin mit Ei und Bacon zum Frühstück und shoppten dann fleißig in der Innenstadt. Es gab einen Walkers Shop, wo Martin sich nur schwer zwischen all den tollen Kekssorten entscheiden konnte.

Es gab einen Spezialitätenladen mit unheimlich leckerem Mango-Essig und einen altmodischen Süßigkeitenladen namens Mr. Simms.

In einem Klamottenladen fanden wir die perfekte Picknickdecke: grün-blau kariert und Lederriemen zum Einwickeln der Decke. Und sie war um 50% runtergesetzt, sodass wir sie für 20 Pfund bekamen.

Im Anschluss bewunderten wir den Hogwarts-Express am Bahnhof. Nämlich verkehrt zwischen Aviemore und Strathspey eine Dampflok, die für die Dreharbeiten von Harry Potter zum Hogwarts-Express umlackiert wurde. Auf der Strecke liegt auch die berühmte Steinbrücke.

Wir sind dieses Mal nicht mitgefahren, sondern heben uns das auf, wenn wir in zig Jahren mit unseren Kindern wiederkommen.

Aber ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind, als die Lok dampfend und pfeifend in den Bahnhof ein- und wieder ausfuhr.


Donnerstag, 15.06.2017, Dalwhinnie Distillery

Die Dalwhinnie Distillery ist die am höchsten gelegene Distillerie Schottlands. Aus Malz von Aberdeenshire, Wasser aus den Cairngorm Mountains und Torf wird süßer Single Malt Whiskey produziert, der standardmäßig 15 Jahre in weißer amerikanischer Eiche reift.

Der Ort Dalwhinnie scheint hauptsächlich aus der Distillerie zu bestehen, umgeben von ein paar verstreuten Häusern.

Für 12 Pfund bekamen wir eine Führung, durften jeweils zwei Whiskeys probieren, bekamen jeder ein Whiskeyglas geschenkt und einen 5-Pfund-Gutschein für den Shop.

Wir erwarben dann jeweils einen Standard-Whiskey für uns und für meinen Bruder und außerdem eine Flasche aus einem limitierten Jahrgang mit special flavour, wovon es nur 6000 Flaschen gibt und den man nur in der Distillerie direkt erwerben kann.

Da wir auf dem Weg nach Dores bei Loch Ness sowieso wieder durch Aviemore fuhren, gingen wir dort noch eine Stunde wandern und anschließend ein letztes Mal im Winking Owl essen. Die Wanderung hat Spaß gemacht und verlief durch eine schöne Waldlandschaft am Fuße des Cairn. Wir gingen zwischen jungen, von Moos teils behangenen Birken und dichten Farn dahin, wobei wir über viele kleine Bäche stiegen.

Das Essen war delicious. Soo guten Lachs habe ich lange nicht gegessen! Und wir probierten Old Mout Cider, den wir in Zukunft öfter kaufen werden.


Freitag, 16.06.2017, Loch Ness

Bevor wir zum Loch Ness Centre & Exhibition fuhren, hielten wir noch am Dores Beach, von dem man einen schönen Blick über den Loch hat. Der Strand ist klein aber fein, ein echter Geheimtipp.

Die Exhibition war sehr interessant. Hier erfährt man alles über die Geschichte von Nessie, den ersten Sichtungen, den Fehlschlägen bei der Suche nach ihr und den Fälschungen.

Auf der Weiterfahrt nach Fort William fuhren wir nicht nur den Loch Ness weiter entlang, sondern passierten auch Loch Oich, wo wir wunderschöne mit Wolken verhangene Berge fotografierten.

In der Nacht zuvor haben wir in dem schönsten Bed and Breakfast auf dieser Reise geschlafen („Pottery House“). Es war ein hübsches Haus auf einem großen Grundstück mit Blick auf den Loch Ness. Die beiden Hausbesitzer zogen eigenes Gemüse im Garten, hielten Hühner und vor dem Fenster des Frühstückszimmers hatten sie Vogelfutterstationen. So bekamen wir zum Frühstück frische Eier und konnten den Vögeln zuschauen.

Im Zimmer erwartete uns ein Bad mit Regendusche. Wir hatten Bademäntel und zur Begrüßung bekamen wir selbstgebackene Cupcakes. Und das Bett war so bequem… Achja, Netflix gab es auch noch.


Samstag, 17.06.2017, Fort William

Was für ein Tag in Fort William. Gemütlich gegen halb elf fuhren wir los am Fuße der Berge um den Ben Nevis (der höchste Berg Großbritanniens) herum bis zum Ende der Straße, von wo aus wir unsere Wanderung starteten. Wir liefen an einem Abhang über Stock und Stein und zahlreiche kleinere Bäche und Wasserfälle, während unter uns der Fluss über riesige Felsen tobte, bis wir plötzlich in einem wunderschönen Tal landeten. Saftige Wiesen umrahmt von zerklüfteten grünen Hängen und in ihrer Mitte der höchste Wasserfall Großbritanniens.

Um an den Fuß des Wasserfalls zu gelangen, musste man über eine Seilbrücke gehen. Vor der Höhe hatte ich keine Angst und auch der Fluss unter mir schreckte mich nicht ab, denn an dieser Stelle floß er sehr gemächlich und war nicht allzu tief. Doch meine Arme waren zu kurz für die Brücke. Die Seile hingen in einem zu großen Abstand voneinander, sodass ich mich nicht festhalten konnte. Martin ging dann allein rüber und ich wartete auf der Wiese, alberte vor der Kamera herum und beobachtete Eisvögel.


Sonntag, 18.06.2017, Zurück nach Edinburgh

Wir fuhren entspannt am Vormittag los und Schottland gewährte uns einen letzten Ausblick auf die grünen Highlands. Natürlich musste genau in dem Moment, als wir ein wunderschönes Tal durchfuhren, der Speicher meiner Kamera voll sein. Ich hoffe, dass mein Handy ein paar qualitative Aufnahmen gemacht hat (hat es nicht).

Nachdem wir die Highlands schon eine kleine Weile hinter uns hatten, stolperten wir zwischen Callander und Stirling über einen riesigen Antiquitätenmarkt, neben dem gerade eine Autoralley eines kleinen Autoclubs stattfand.

Ich fand eine schöne englische Ausgabe von Jane Eyre, über 100 Jahre alt, die dort ausgestellt war. Ich freute mich riesig und eilte zum Bezahltresen: Nicht verkäuflich. Wieso steht sie dann da? Als Deko. Echt jetzt?

Ich fand immerhin noch eine weitere hübsche Ausgabe aus den 60ern. Vermutlich die einzige verkäufliche in dieser enormen Halle.

Abends in Edinburgh kauften wir noch ein wenig ein. Martin besorgte Schals für seine Familie und ich gönnte mit eine kleine farbenfrohe karierte Handtasche der Marke Ness, die nur in Schottland und England verkauft wird.


Montag, 19.06.2017, Edinburgh

Unseren letzten Urlaubstag vor der Abreise verbrachten wir zunächst damit, Gin zu kaufen. Nachdem wir durch das halbe Land gereist sind, stellten wir nämlich fest, dass der erste Laden, den wir am ersten Tag besucht hatten, den günstigsten Preis für den Botanist Islay Dry Gin hat.

Später genossen wir etwas Muße mit unserer neuen Picknickdecke in dem schönen Inverleith Park, nach einem kurzen Spaziergang von der Broughton Street entlang dem River Leith.

Ein letztes Essen im geliebten McGregors Pub auf der Royal Mile und nach einer Siesta im Bed and Breakfast bildet ein letztes Stück Artisan Cheesecake wohl vorerst den Abschluss unserer Reise durch Schottland.